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Reinhard Grindel Hermann Winkler Thilo Boss
A.Jungnickel/SUPERillu
Frage an die DFB-Bosse
„Was ist nur in unseren Stadien los?”

In den deutschen Fußball-Arenen brodelt es. SUPERillu sprach dazu mit DFB-Präsident Reinhard Grindel und Sachsens Fußballverbandspräsident Hermann Winkler 

Thilo Boss
on 21. September 2017

Fanatische Fußballanhänger feinden schon seit Wochen während der Pokal- und Ligaspiele mit menschenverachtenden Parolen, Transparenten und Gewaltausbrüchen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) an. Der DFB sucht jetzt händeringend nach einer Strategie, um die Lage endlich in den Griff zu bekommen – und schwankt dabei offenbar zwischen einem intensiven Dialog mit den radikalen Fanvereinigungen und einer härteren Bestrafung der Randalierer.

Herr Grindel, Herr Winkler, in der ersten Runde des DFB-Pokals beim Spiel Hertha BSC gegen Hansa Rostock ist es erneut zu Ausschreitungen gekommen. Die Partie musste 17 Minuten unterbrochen werden, weil Fans Pyros und Feuerwerkskörper zündeten. Ist das ein weiterer Höhepunkt in einer Gewaltspirale, die offenbar nicht mehr beherrschbar ist?

Reinhard Grindel: Das waren unschöne Bilder, die niemand beim Fußball sehen will. Respekt und Toleranz für den Gegner sind Tugenden unserer Fußballkultur.

Hermann Winkler: Deshalb ist es so wichtig gewesen, dass sich Rostock-Fans aus anderen Blöcken mit den Rufen „Und ihr wollt Hansa-Fans sein?“ lautstark von den Chaoten distanziert und Flagge gezeigt haben. Die Masse der Fußballanhänger, auch der Ultras, wollen friedlich ein Spiel sehen und sich darüber freuen. Nur eine kleine Minderheit neigt zur Gewalt. Von der dürfen wir uns nicht terrorisieren und erpressen lassen.

Strengere Einlasskontrollen und Stadionverbote auf Lebenszeit würden da schon helfen. Oder?

Grindel: Wir brauchen Maßnahmen, die wirklich mehr Sicherheit bringen und rechtlich zulässig sind. Wir wollen in einen offenen Dialog mit den Fans einsteigen, um gemeinsam für ein positives Stadionerlebnis zu sorgen. Wie ernst es uns mit dem Angebot des Dialogs ist, zeigt, dass das DFB-Präsidium dem unabhängigen Kontrollausschuss empfohlen hat, bis auf Weiteres beim Sportgericht keine sogenannten Kollektivstrafen mehr zu beantragen. Als weiteres Zeichen habe ich dem Gnadengesuch von Hansa Rostock stattgegeben, um die anstehenden Gespräche nicht durch zurückliegende und noch nicht vollzogene Beschlüsse zu belasten. Aber natürlich müssen wir im gemeinsamen Dialog auch klare Linien und Grenzen erarbeiten.

Könnten Sie das genauer erklären?

Grindel: Beispielsweise ist ein Verzicht auf Gewalt unabdingbar. Kinder kommen auch in unsere Vereine, weil sie ihren Idolen nacheifern wollen. So sichern wir die Zukunft des Fußballs. Ich möchte, dass Familien ohne Angst zum Fußball kommen. Wer den Fußball liebt, darf seine Zukunft nicht gefährden.

Winkler: Hier ist zudem der Rechtsstaat stärker als bisher gefordert, weil der Staat für die Gewähr der öffentlichen Sicherheit uneingeschränkt verantwortlich ist. Deshalb dürfen Staatsanwaltschaften Klagen nicht fallen lassen, weil sie Vorfälle als Bagatelldelikte und szenetypisch abstempeln. Gerichte müssen schneller und härter urteilen und dürfen die Verfahren nicht endlos verschieben. Das alles würde Wirkung zeigen und abschrecken. Wenn ein Pyromane erwischt wird und er als Strafe mehrere Tausend Euro bezahlen müsste, überlegt er sich genau, ob er beim nächsten Mal ein Bengalo zündet.

Entscheidenden Einfluss auf ihre Anhänger haben vor allem die Vereine, mit denen sich die Fans identifizieren. Wie klappt die Zusammenarbeit?

Winkler: Gut. Wir stimmen uns in den Sicherheitsgremien vor Risikospielen ab und erarbeiten gemeinsam mit der Polizei und den Vereinen die Einsatzstrategien. Hier ziehen alle an einem Strang.

Time 4 Sport/YouTube

Wenn alles wie geschmiert läuft, warum dreht sich dann die Gewaltspirale und verhallen Appelle der Verantwortlichen? Hat der DFB, der ja auch zeitweise wegen der Vergabe der WM 2006 in die Krise geraten war, an moralischer Integrität verloren?

Grindel: Hermann Winkler hat bereits darauf hingewiesen, dass der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Das gilt auch für Ihre Fragestellung. In den vergangenen Jahren haben wir erlebt, dass ein Großteil der gesellschaftlichen Akteure – seien es Parteien, Gewerkschaften, aber auch Verbände und Kirchen – an Einfluss verloren haben. Die Kritik an ihnen ist größer geworden. Das betrifft auch den DFB. Der Fußball insgesamt hat aber gleichzeitig an Bedeutung gewonnen. Er ist weiterhin die mit Abstand beliebteste Sportart. Bei ihm treffen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Frauen und Männer, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Insgesamt sehe ich daher eine noch größere Verantwortung und Integrationskraft für den DFB.

Die Kritik vieler Fans und ihre Distanzierung zum DFB zielt auf eine fortschreitende Kommerzialisierung in den Profiklassen ab. Das fängt bei hohen Ablösesummen an und hört mit Hasstiraden auf RB Leipzig auf. Fanatische Anhänger gegnerischer Clubs werfen den Sachsen vor, ein Retortenverein zu sein, der nur auf Profit aus ist. Können Sie das verstehen?

Winkler: Ich halte nichts davon, Tradition und Geld gegeneinander auszuspielen. Wir brauchen beides. Das ist bei Bayern München mit seinen Großanteilseignern nichts anderes als bei Borussia Dortmund, die börsennotiert sind, oder bei der TSG Hoffenheim und dem Hamburger SV, die von Großmäzenen unterstützt werden. Wir sollten hier nicht dauernd mit zweierlei Maß messen. In den Anfangsjahren nach der deutschen Einheit hat es im Osten daran gemangelt, dass unsere Vereine nicht genügend finanzielle Mittel hatten, um mit den westdeutschen Clubs mitzuhalten. Das führte dazu, dass Ostdeutschland im sportlichen Bereich ins Hintertreffen geraten war. Von RB Leipzig profitiert der Fußball in Ostdeutschland. Ich freue mich darüber, dass wir wieder mit einer sächsischen Mannschaft in der 1. Liga spielen und international für eine große ostdeutsche Stadt werben können. Das wird Ausstrahlungskraft auf unsere Vereine haben und sie beflügeln.

Erwacht der Osten mit RB Leipzig jetzt aus seinem fußballerischen Dornröschenschlaf?

Grindel: Er ist nie eingeschlafen und war immer da. Jetzt kommt er aber wieder richtig in Form. Das strahlen auch die Leuchttürme wie beispielsweise RB Leipzig, Dynamo Dresden, Hansa Rostock, die beiden Berliner Vereine Hertha und Union oder Magdeburg aus. Sie alle stehen für gute Jugendarbeit. Nachhaltigkeit ist der Schlüssel für eine gute Zukunftsperspektive und Akzeptanz bei den Fans. Das ist vielleicht heute schon wichtiger, als nur auf Tradition zu sehen.

Mit dieser Argumentation öffnen Sie einer fortschreitenden Kommerzialisierung die Türen, ganz nach dem Prinzip, Brot und Spiele für alle, egal was es kostet …

Grindel: Das ist Unsinn. Der Fußball lebt Werte und vermittelt Gemeinschafts- und Sportsgeist. Sonst würden wir nicht mehr als sieben Millionen Mitglieder in den über 25000 Vereinen mit Tausenden von ehrenamtlichen Betreuern und Trainern zählen. Sie sind das Rückgrat des deutschen Fußballs. Über ihre Jugendarbeit sichern wir den zukünftigen sportlichen Erfolg. Doch der ist wieder Motor dafür, dass wir Kinder für unseren Sport begeistern können. Wir stellen jedes Mal fest, wenn die deutsche Nationalmannschaft einen Titel holt, dass sich in den Jahren danach deutlich mehr Mädchen und Jungen in den Vereinen anmelden. Das ist auch der Grund, warum wir uns intensiv als Austragungsort für die Europameisterschaft 2024 einsetzen. Von einer EM in Deutschland würde erneut ein Motivationsschub ausgehen. Dass wir es können, haben wir ja bereits mehrfach bewiesen.

Winkler: Das von Herrn Grindel beschriebene Prinzip gilt natürlich auch für die Vereinsebene. In Leipzig haben wir mit dem Erfolg von RB ein immer größeres Interesse in Teilen der Bevölkerung geweckt, die zuvor Fußball nur beiläufig registriert haben. Mit der Teilnahme an der Champions League wird sich das noch weiter fortsetzen. Da bin ich mir sicher.

Reinhard Grindel Hermann Winkler  Thilo Boss
A.Jungnickel/SUPERillu

Interview in der Egidius-Braun-Sportschule in Leipzig: SUPERillu-Wirtschaftschef Thilo Boss mit DFB-Präsident Reinhard Grindel und Sachsens Fußball-Präsident Hermann Winkler (von links nach rechts)

Das hört sich alles schön und gut an. Fußballkarten müssen aber für Normalverdiener bezahlbar sein. Warum bietet der DFB eigentlich beim Pokal-Endspiel keinen Famlienblock mit ermäßigten Karten an?

Grindel: Solche Aktionen haben wir bei Länderspielen bereits mehrfach durchgeführt. Dort können sich Kinder mit ihren Eltern für fünf Euro ein Spiel anschauen. Im Vorfeld der WM 2018 werden wir diese Aktionen wiederholen. Generell betrachtet sind unsere Preise im internationalen Vergleich sehr moderat. Und daran wollen wir auch weiter festhalten.

Winkler: Bei aller Kritik darf ich auch einmal daran erinnern, dass der DFB die Landesverbände finanziell unterstützt und damit mithilft, den Fußball in die gesamte Breite der Gesellschaft zu tragen. Mit diesen Zuschüssen wird beispielsweise der Amateurspielbetrieb unterstützt, Nachwuchszentren und Übungsleiter mitfinanziert. In der öffentlichen Debatte spielt das leider keine Rolle. Es zeigt jedoch, dass wir in der Fußballfamilie zusammenhalten.

Vereine wie Bayern München sind finanzstark, sie könnten ermäßigte Karten anbieten …

Grindel: Auch die Eintrittspreise bei Bayern München sind wesentlich moderater als in Madrid, Barcelona oder Manchester. Denken Sie auch an die Stehplätze, die wir erhalten wollen. Diese Fankultur gibt es in anderen Ländern so nicht mehr.

Winkler: Und viele Erstliga-Vereine bieten ja auch ermäßigte Karten für Familien an. Das halte ich auch für richtig und kann es nur begrüßen. Denn je früher die Begeisterung für den Fußball geweckt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ein Leben lang hält. Davon profitieren wir alle – mit Kindern und Jugendlichen, die in den Vereinen spielen und auch wieder zu Leistungsträgern von Spitzenmannschaften werden können. Und mit vollen Stadien, weil die Fußballleidenschaft praktisch in die Kinderschuhe gelegt wurde. 

Thilo Boss
on 21. September 2017

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