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Holger Kiesewetter
P.Schneider-Schmelzer/SUPERillu
Medizin-Interview
Risiken in der Schwangerschaft

Professor Holger Kiesewetter über die Möglichkeiten, mit denen Früh- oder Fehlgeburten verhindert werden können

Wallburga Hettwer
on 4. Oktober 2017

Die meisten Frauen freuen sich, wenn das Wunschkind sich ankündigt. Doch zehn Prozent hören vom Arzt, dass sie eine Risikoschwangerschaft haben. Was bedeutet das?

Dann besteht Gefahr für die Gesundheit von Mutter oder Kind oder beiden. Die Schwangere bekommt dann häufiger Ultraschalluntersuchungen, ihre Blutwerte werden genauer abgeklärt.

Wann besteht eine Risikoschwangerschaft?

Beispielsweise wenn die werdende Mutter chronische Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Allergien hat. Durch die Zuckerkrankheit werden die Kinder schwerer. Ihre Herzfunktion kann lebensbedrohlich schlechter sein. Hinzu kommt, dass das Blut der Mutter leichter verklumpt, dadurch besteht Thrombosegefahr. Bei Bluthochdruck droht ihr eine Schwangerschaftsvergiftung, Präeklampsie. Sie kann zur Ablösung der Plazenta führen.

Wie kann der Arzt helfen?

Er kann Heparin oder Acetylsalicylsäure, ASS, verordnen. Beide verdünnen das Blut der Mutter, es verklumpt dann nicht mehr.

Die Aufgabe der Blutplättchen

Rund 20 Prozent der Schwangeren verlieren ihr Kind, meist bis zur 15. Woche. Könnten die Medikamente das verhindern?

Ja, damit können oft Fehlgeburten und Spätkomplikationen verhindert werden.

Hat das auch etwas mit dem Alter zu tun?

Je älter die Schwangere, desto größer ist ihr Risiko, denn viele haben schon chronische Grunderkrankungen. Sie verlieren ihr Kind aufgrund von Gerinnungs- und Durchblutungsstörungen in den kleinen Gefäßen, weil sie rauchen oder einen Mangel an Vitamin D, Eisen und B-Vitaminen haben.

Sind die Mittel nicht riskant für das Ungeborene?

Heparin geht nicht in den Blutkreislauf des Kindes über. Bei der Mutter kommt es nur selten zur Bildung von Antikörpern. Dann fällt die Zahl der Blutplättchen ab, das Blut verklumpt, es droht eine Thrombose. Deshalb messen wir eine, zwei und drei Wochen nach Beginn der Behandlung ihre Anzahl. Sinkt sie, muss Heparin sofort abgesetzt werden. Wir können es durch ein gentechnologisch hergestelltes heparinähnliches Mittel ersetzen.

Und was ist mit ASS?

Es kann auf das Kind übergehen und die Funktion seiner Blutplättchen hemmen. Besonders gefährlich wird es, wenn ihre Anzahl reduziert ist. Das kann passieren, wenn die Blutplättchen der Eltern unterschiedliche Blutgruppen haben. Sie sollte deshalb vor jeder Behandlung bestimmt werden. Ist sie zum Beispiel bei der Frau Antigen 1a negativ, beim Vater positiv, kann das Kind Antigen 1a positiv haben.

Warum ist das gefährlich?

Diese Antigen-1a-positiven Blutplättchen des Kindes können in den mütterlichen Kreislauf übergehen. Deren weiße Blutzellen bilden daraufhin Antikörper. Diese sind so klein, dass sie über die Plazenta in den Kreislauf des Kindes übertreten und sich an dessen Blutplättchen anlagern können. Eine mögliche Folge ist dann ein Mangel daran beim Ungeborenen. Dieses ist dadurch extrem gefährdet, eine Hirnblutung zu bekommen. Wird nun auch noch mit ASS behandelt, steigt die Gefahr weiter an, weil die wenigen Blutplättchen, die noch da sind, nicht mehr einwandfrei funktionieren. Deshalb darf in diesem Fall kein ASS gegeben werden. Zweieinhalb Prozent aller Kinder in Deutschland sind bei der Geburt von Hirnblutungen betroffen. Ein Prozent von ihnen sind deshalb über- oder unteraktiv.

Wie kann man die Antikörper feststellen?

Sie lassen sich im Blut nachweisen. Dann bekommen die Schwangeren von der 16. bis zur 38. Woche Immunglobuline, Eiweiße, die die Antikörper binden.

Welche Blutuntersuchungen sind noch wichtig?

Wir messen bei Risikoschwangerschaft immer auch das C-reaktive Protein, CRP, ein Eiweiß, das bei Entzündungen im Körper vermehrt im Blut vorhanden ist. Dadurch verdickt es sich. Das Baby bekommt zu wenig Sauerstoff, bei der Mutter kann es zur Thrombose kommen. Notfalls müssen wir ein Antibiotikum geben, das die Entzündung bekämpft. Es schadet dem Ungeborenen nicht.

Ab welchem Monat sollten Schwangere sich auf Risiken untersuchen lassen?

So früh wie möglich in der Schwangerschaft, dann können wir die Basiswerte ermitteln, um die Gefahr von Fehlgeburten oder Spätkomplikationen zu erkennen. Kommen Thrombosen in der Familie häufiger vor, untersuchen wir gezielt auf dieses Risiko hin. Frauen, die bereits eine oder mehrere Fehlgeburten hatten oder unter Bluthochdruck leiden, sollten sich schon beim Kinderwunsch untersuchen lassen, damit die erforderliche Therapie sofort eingeleitet werden kann.

Der Experte Professor Holger Kiesewetter, 69: Der Internist, Angiologe, Labormediziner und Hämostaseologe praktiziert im Hämostaseologicum Berlin. Er ist einer von sechs führenden Experten in Deutschland

Wallburga Hettwer
on 4. Oktober 2017

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